Die Blockflöte

Die Blockflötenfamilie

by Michael Doering

Die gute alte Blockflöte! Unser Ausbilder zu meiner Zeit als auszubildender Musikalienhändler nannte das Instrument liebevoll “Blökflöte”. Sie ist zugleich Quell der Freude und höchster Qual. Ein Instrument spaltet die Republik. Man liebt es oder man hasst es. Alles Klischees? Vielleicht. Ich versuche in diesem Artikel, mich der Blockflöte objektiv zu nähern und führe einige Gründe auf, warum Musiklehrer(innen) Eltern seit Generationen eine Blockflöte zum Einstieg für ihre Kinder empfehlen.

Ein ganz wichtiger und zugleich profaner Grund gleich einmal vorab:

1) Der Preis

Eine Blockflöte in der Standardausführung ist nicht besonders teuer. Weder der Materialeinsatz noch die Herstellung an sich sind besonders kostspielig. Während es beispielsweise sehr aufwändig ist, eine gute Querflöte herzustellen (denken Sie allein an die Feinmechanik, die für das verwirrende Klappensystem Verwendung findet), besteht eine Blockflöte im wesentlichen aus einem gedrechselten Stück Holz, das verschiedenartige Fräsungen und Bohrungen über sich ergehen lassen musste. Entscheidend für die Tonerzeugung ist das Mundstück bzw. der sogenannte Block. Dieser muss zugleich mit der Feuchtigkeit fertig werden, welcher eine Blockflöte beim Spielen naturgemäß ausgesetzt ist und wird daher oft aus einem anderen Holz gefertigt als der restliche Korpus. Auch Kunststoff wird findet daher inzwischen bei vielen Blockflöten Verwendung. Während Blockflöten in Deutschland früher meist aus Birnbaum oder Ahorn gefertigt wurden, kommen bei den hochwertigen Instrumenten heute sogenannte Edelhölzer oder Tropenhölzer zum Einsatz, die den Preis natürlich beträchtlich in die Höhe treiben. Ein derartiges Instrument ist für ein Kind, das mit dem Spielen beginnt aber sicherlich nicht nötig. Unterm Strich bleibt festzuhalten: Im Vergleich zu anderen klassischen Instrumenten ist die Blockflöte günstig. Ein vernünftiges Schüler-Instrument liegt preislich etwa zwischen 20 und 60 Euro.

2) Tonerzeugung und Spieltechnik

Doch der günstige Preis ist sicherlich nicht der einzige Grund für die Popularität der Blockflöte. Der wichtigere Grund dürfte die Art der Tonerzeugung sein. Wieso? Was ist denn so besonders an der Art der Tonerzeugung? “Man bläst herein” werden viele sagen. Auch in eine Trompete oder ein Saxophon bläst man doch herein. Na und?

Wenn Sie die Möglichkeit haben, probieren Sie es selber einmal aus! Blasen Sie einmal in eine Trompete herein und Sie werden mit einiger Wahrscheinlichkeit – nichts hören. Zumindest keinen Ton (es sei denn, Sie sind zufällig Trompeter…) Warum bekommen Laien keinen Ton aus einer Trompete heraus? Weil es ihnen an der nötigen Lippenspannung und dem sogenannten “Ansatz” fehlt. Und die Blockflöte? Wenn es Ihnen gelingt, alle Löcher sauber zuzuhalten und Sie (vorsichtig) in die Flöte herein blasen (nicht pusten und nicht beißen!), dann werden Sie in der Regel mit einem Ton belohnt, möglicherweise sogar einem sauberen C. Nun aber zurück zu den Kindern. Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf Kinder etwa ab Vorschulalter (das Alter, ab dem das Erlernen einer Blockflöte Sinn macht, hängt sehr stark von den individuellen Anlagen und Interessen des einzelnen Kindes ab. Jünger als 4 sollte ein Kind aber nicht sein).

Ein Kind ist ebenso wie ein Erwachsener meist intuitiv in der Lage, einer Blockflöte die ersten Töne zu entlocken und daher ist diese natürlich äußerst geeignet, ein Kind an die Welt der Musikinstrumente heranzuführen. Auch die Fingertechnik ist im Falle der Blockflöte relativ einfach zu erlernen. Wenn das Kind erst einmal herausgefunden hat, mit welchen Fingern es welches Loch sauber abdeckt, ist es nur noch ein kleiner Schritt zu den ersten einfachen Melodien. Innerhalb weniger Wochen wird ein durchschnittlich musikalisches Kind in der Lage sein, einfache Lieder zu spielen (etwa vom Schwierigkeitsgrad traditioneller Weihnachtslieder). Ich wollte das Klischee der Blockflöte unterm Weihnachtsbaum doch wenigstens einmal kurz streifen!

3) Der Unterricht

“Aber das kann doch noch nicht alles sein” werden viele sagen. Stimmt! Auch die Art des typischen Blockflöten Unterrichts ist für Kinder sehr gut geeignet. Wie kann man sich Blockflöten-Unterricht denn typischerweise vorstellen? “Als Gruppenunterricht” ist die häufigste Antwort. “Und das ist auch gut so” möchte ich hinzufügen. Eine einzelne Blockflöte klingt tendenziell etwas dünn, mehrere Blockflöten klingen durchaus gut zusammen (wenn wir hier mal die falschen Töne ausklammern). Noch wichtiger ist aber die soziale Komponente derartigen Gruppenunterrichts. Die Kinder lernen, aufeinander einzugehen und im wahrsten Sinne des Wortes aufeinander zu hören. Zusammen Musik zu machen, stärkt das Gemeinschaftsgefühl und macht Spaß, sonst gäbe es nicht so viele Bands auf der Welt. Der Gruppenunterricht gibt weiterhin die Möglichkeit, Mehrstimmigkeit einzuführen und auszuprobieren.

Ein Missverständnis

Viele denken aufgrund der oben aufgeführten Umstände, die dem Anfänger schnelle Fortschritte beim Erlernen des Instrumentes ermöglichen, handele es sich bei der Blockflöte lediglich um ein Anfängerinstrument. Das stimmt so nicht. Auch auf der Blockflöte gibt es meisterhafte Künstler und um es auf diesem Instrument zu wahrer Meisterschaft zu bringen, ist ebenso viel Übung und Talent vonnöten wie bei jedem anderen Musikinstrument.

Die Familie

Was für Blockflöten gibt es und worin liegt der Unterschied zwischen den Flöten?
Sicherlich hat jeder schon einmal eine Blockflöte gesehen und auch gehört, so dass ich mich hier kurz fassen kann. Bei einer Blockflöte denkt man meist an die Sopranflöte (oder C-Flöte). Kindern, die nach Absolvierung eines ersten Blockflöten Kursus noch mit Spaß bei der Sache sind und gerne bei der Blockflöte bleiben möchten, wird oft die Altflöte empfohlen (oder F-Flöte). Diese ist etwas länger, klingt dadurch tiefer und hat daher auch größere Abstände zwischen den Bohrungen. Das heißt konkret, dass die Kinder ihre Finger weiter spreizen müssen, so dass die F-Flöte für kleine Kinder sicherlich noch keine Option ist. Das gilt natürlich umso mehr für die Tenorflöte (diese ist wieder in C, klingt aber eine Oktave tiefer als die Sopranflöte). Wegen der noch weiteren Fingerspreizung werden einige Tenorflöten mit einer Fußklappe angeboten. Die Bassflöte muß so groß sein, um die gewünschten tiefen Töne zu erzeugen, dass es selbst für Erwachsene nicht mehr möglich wäre, die Finger entsprechend weit zu spreizen. Daher verfügt die Bassflöte über Klappen, die hier aushelfen. Hier findet man ein Hörbeispiel, wie die Familie der Blockflöten im Zusammenspiel klingt.

Abschließend noch einige Eltern-Tipps zur Vermeidung typischer Fehler

1) Achten Sie auf die Gruppengröße. Die meisten Musikschulen bieten Blockflöten-Unterricht im Rahmen kleiner bis mittelgroßen Gruppen an. 3 bis 7 Kinder bilden beispielsweise eine Gruppenstärke, welche den Spaß am gemeinsamen Lernen nicht zu kurz kommen lässt, bei welcher der (die) Lehrer(in) aber dennoch gut auf das einzelne Kind eingehen kann. Wenn es deutlich mehr Kinder werden, wird es sicherlich nicht mehr möglich sein, individuell auf jedes Kind einzugehen und es besteht die Gefahr, dass die Gruppenstunde im Chaos versinkt (es sei denn, die Lehrerin ist ein Kommunikationsgenie oder ein Diktator…) Falls Sie also die Möglichkeit haben, zwischen verschieden starken Gruppen zu wählen, sollten Sie eher zur überschaubaren (kleineren) Gruppe tendieren.

2) Es gibt 2 verschiedene Griffsysteme: Das sogenannte “deutsche Griffsystem” und das deutlich überlegene “barocke (oder englische) Griffsystem”. Die Flöten beider Systeme unterscheiden sich durch die Bohrungen. Obwohl sich die unterlegene deutsche Griffweise auch in Deutschland weiter auf dem Rückzug befindet, wird sie dennoch von einigen Musikschulen bzw. Lehrern vorgeschrieben. Bitte erkundigen Sie sich vor Anschaffung eines Instruments unbedingt, welches System Grundlage des jeweiligen Kursus sein wird. Wenn Sie eine Flöte mit dem “falschen” System gekauft haben, bleibt ihnen nichts übrig, als noch eine weitere zu erwerben, diesmal mit dem “richtigen” System – oder sich einen anderen Kursus zu suchen.

3) Für viele Kinder ist die Blockflöte ein wunderbarer Einstieg in die Musik. Warum das so ist, habe ich oben ausführlich beschrieben. Falls dies aber auf Ihr Kind nicht zutrifft und es nicht Blockflöte spielen will, dann lassen Sie es in Ruhe! Zwingen Sie Ihr Kind nicht, ein Instrument zu lernen, das es ablehnt. Damit könnten Sie auch (oder sogar besonders) bei einem musikalischen Kind dauerhaften Schaden anrichten. Kaufen Sie dann lieber etwas, das es interessiert. Und wenn es ein Fußball ist.

Und noch eine Anmerkung

In diesem Artikel war bereits die Rede vom Lehrer/der Lehrerin. Auch bei den nächsten Artikeln wird es oft um Lehrer/(-innen) gehen. Zugunsten einer besseren Lesbarkeit für die Leser/(-innen) werde ich im folgenden auf diese doch recht verkrampfte Lehrer-und-Lehrerinnen-Schüler-und-Schülerinnen-Schreibweise verzichten. Ich möchte alle Lehrerinnen, Schülerinnen und Leserinnen bitten, mir dieses Prozedere nachzusehen.

{ 3 trackbacks }

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