Nachdem ich im letzten Artikel doch recht ausführlich über den Unterschied zwischen akustischer und elektrischer Gitarre geschrieben habe, geht es im folgenden um den Unterschied zwischen den beiden grundsätzlichen Arten von Akustikgitarren: Man teilt die akustischen Gitarren ganz allgemein auf in Konzertgitarren (mit Nylonsaiten) und die sogenannten Westerngitarren (mit Stahlsaiten). Doch worin liegen die Unterschiede und wofür sind sie gut? Auf der Musikinstrumenten-Übersichtsseite gibt es zwei typische Soundbeispiele zur Konzert- und Westerngitarre.
Die Bauart, die Saiten und warum Freude manchmal wehtun muss
Eine Konzertgitarre ist für den Laien vielleicht am ehesten eine “normale” Gitarre. Sie wird hierzulande auch oft als klassische Gitarre, spanische Gitarre oder Nylonsaitengitarre bezeichnet. All diese Bezeichnungen sind zutreffend und bezeichnen dasselbe Instrument. Zum Einstieg (besonders für Kinder) ist diese Gitarre gut geeignet, weil sie relativ klein ist aber einen breiten Hals hat (was das Greifen mit der linken Hand erleichtert). Noch wichtiger: Sie hat keine Stahlsaiten wie Westerngitarren, sondern Nylonsaiten. Diese sind relativ weich, üben einen recht geringen Saitenzug aus und lassen sich daher relativ angenehm auf das Griffbrett drücken (”greifen”). Ich sage bewußt relativ, denn auch Nylonsaiten hinterlassen deutlich sichtbare Rillen in den Fingerkuppen. Am Anfang wird das Üben daher auch bei Nylonsaiten schon nach kurzer Zeit zu einer durchaus schmerzhaften Angelegenheit. Es bildet sich bei regelmäßigem Üben allerdings sehr schnell eine Hornhaut, so dass der anfängliche Schmerz beim Üben rasch verschwindet. Man kann das vergleichen mit der Hornhaut an nackten Füßen. Wenn Sie im Sommer gerne barfuß gehen, dann kennen Sie den Effekt, dass es zu Beginn des Sommers noch schmerzhaft ist, eine Strasse zu überqueren, dasselbe Abenteuer gegen Ende des Sommers aber schon keines mehr ist. Im Vergleich zu Nylonsaiten schneiden Stahlsaiten noch sehr viel stärker in die empfindlichen Fingerkuppen ein und üben außerdem einen sehr viel stärkeren Saitenzug aus. Hat sich aber erst einmal eine Hornhaut gebildet, kann man auch ohne bleibende Schäden an Leib und Seele zu einer stahlbesaiteten Gitarre greifen. Aber warum gibt es über verschiedene Arten von Saiten? Sind Nylonsaiten und Konzertgitarren etwas für Anfänger und Westerngitarren mit Stahlsaiten für Fortgeschrittene? Nein! Das ist völliger Blödsinn. Aufgrund der Tatsache, dass in Deutschland nahezu jeder Anfänger mit Nylonsaiten beginnt, haftet der Konzertgitarre unterschwellig das “Anfänger”-Attribut an. Betreten Eltern in Deutschland ein Musikfachgeschäft, um ihrem Kind die erste Gitarre zum Einstieg zu kaufen, so werden sie den Laden mit hoher Wahrscheinlichkeit mit einer Konzertgitarre unterm Arm verlassen. Je nach Geschick des Verkäufers in einer billigeren oder teureren Hülle (ein Koffer für eine billige Einsteiger-Gitarre ist wirklich Quatsch!)
In der angelsächsischen Welt, also etwa England, Amerika und Australien, greift man hingegen auch zum Einstieg fast immer zur Westerngitarre, da diese Gitarrenart ganz fest mit den dort populäreren Musikstilen wie Rock, Blues und Country verknüpft ist. Wie gering die Bedeutung der Konzertgitarre in den USA ist, erkennt man schon daran, dass die US Firma Gibson, einer der bedeutendsten Gitarrenhersteller auf unserem Planeten, überhaupt keine Konzertgitarren produziert.
Die typischen Spieltechniken
Die Art der Gitarre (Konzert- oder Westerngitarre) hat also nichts zu tun mit dem Fortschritt oder Können des Spielers. Um aus einer Konzertgitarre die Art von Musik herauszuholen, für die sie geschaffen wurde, muß man sogar wesentlich mehr Zeit und Übung investieren als derjenige, der auf einer Westerngitarre lediglich “Blowing In The Wind” spielen möchte. Die verschiedenen Arten von Saiten (Nylon und Stahl) stehen für unterschiedliche Spieltechniken und auch einen gänzlich anderen Klang. Die Nylonsaiten der klassischen Gitarre werden in der Regel in einer klassischen Spieltechnik von den Fingern der rechten Hand einzeln angezupft. Dieses ist sowohl in der traditionellen klassischen Gitarrenliteratur der Fall als auch beim sehr viel virtuoseren spanischen Flamenco. Diese klassische Spieltechnik würde bei Stahlsaiten weniger gut funktionieren und weniger gut klingen. Ich kenne auch keine klassischen Gitarristen, die mit einer Westerngitarre auf die Bühne gehen würden.
Eine stahlbesaitete Westerngitarre klingt hingegen im Vergleich zur Konzertgitarre dann sehr viel besser und brillianter, wenn man die Saiten mit einem Plektrum (oder Plektron oder Pick) anspielt. Ganz gleich, ob man die Saiten eher einzeln anschlägt (Picking) oder alle gleichzeitig (Strumming). Man muß für eine Westerngitarre aber nicht zwangsläufig ein Plektron (oder Plektrum) benutzen. Es gibt zahlreiche Fingerstyles & Pickings für die rechte Hand, die zur Westerngitarre gehören wie die Butter auf das Brötchen – aber all diese Fingerpickings unterscheiden sich grundlegend von der “klassischen Schule”, die bei der Konzertgitarre zum Tragen kommt.
Welche Art von Musik gehört zu welcher Art von Gitarre?
Klassische Gitarrenliteratur aus den letzten Jahrhunderten gehört natürlich zur Konzertgitarre (also das, was Sie eher in einem Konzertsaal hören als in einem Festzelt). Ebenso Flamenco (daher der Ausdruck “Spanische Gitarre”). Wenn Sie im Radio eine Nummer von den Gipsy Kings hören, dann hören Sie Konzertgitarren (und zwar ziemlich viele). Auch in der Jazzmusik werden oft Konzertgitarren eingesetzt. Manchmal ist es auch nur ein schmaler Grad zwischen Jazz und Flamenco (wenn man etwa an Flamenco-Meister wie Paco de Lucia denkt). Zur Auflockerung ein Video mit einem spanischen Song, den ich vor einiger Zeit mit dem in Duisburg lebenden Sänger Marcos Manzanedo aufgenommen habe. Der Schlagzeugpart stammt von Peter Kalff, meinem Ex-Kollegen bei den Silver Beatles, alle anderen Instrumente habe ich selbst eingespielt.
Hier kann man recht gut hören, wie eine typische spanische Gitarre im Flamencostil klingt.
Und welche Art von Musik gehört zur Westerngitarre?
Das ist recht einfach zu beantworten. Der Rest. Nahezu alle anderen akustischen Gitarren, die Sie im Radio hören, sind Westerngitarren. Ich nenne Ihnen allerdings noch 2 Ausnahmen: Die von keinem geringeren als Paco de Lucia meisterhaft gespielte Spanische Gitarre im Titellied des 1995er Blockbusters Don Juan (mit Johnny Depp in der Hauptrolle), Have You Ever Really Loved A Woman, gesungen von Brian Adams. Ein anderes bekanntes Beispiel für eine Spanische Gitarre von einer Band, die ansonsten nahezu ausschließlich Westerngitarren für die akustischen Gitarrenparts einsetzte, sind die geschmackvollen Einwürfe (Licks) bei “And I Love Her” von den Beatles. Alle anderen Akustikgitarren, die Sie im Radio oder auf Ihren Popmusik-CDs hören, sind mit hoher Wahrscheinlichkeit Westerngitarren.
Wie alt muss ein Kind sein, um Gitarre spielen zu lernen?
Erlaubt ist, was Sinn macht! Einige Musikschulen oder Gitarrenlehrer bieten Gitarren-Kurse bereits für Kindergarten-Kinder an. Warum nicht? Wenn so ein Kurs interessant und kindgerecht gestaltet wird, kann er durchaus ein guter Einstieg in die Welt der Musikinstrumente sein. Es ergibt sich bei kleineren Kindern allerdings das Problem, dass diese eine reguläre Gitarre allein aufgrund ihrer Körpergröße noch nicht beherrschen können. Abhilfe schaffen sogenannte Kindergitarren. Analog zur Violine gibt es auch im Fall der Gitarre 3/4 oder 1/2 Gitarren, die entsprechend der Körpergröße in allen Dimensionen (Korpus, Hals, Mensur) proportional verkleinert wurden. Achtung! Verwechseln Sie derartige kindgerechte und durchaus vollwertigen Musikinstrumente bitte nicht mit den gleichermaßen (nämlich Kindergitarre) benannten Spielzeugen, die in vielen Kaufhäusern und Online-Shops angeboten werden. Wenn Sie ein derartiges Instrument unter der Kategorie “Spielzeuge” finden, dann lassen Sie auf jeden Fall die Finger davon. Es handelt sich in den allermeisten Fällen um minderwertigen Schrott, oft aus Plastik oder noch schlimmer: aus scharfkantigem schlecht verarbeiteten Sperrholz. In dem Gitarren Blog von Neue Musik Laden finden Sie noch weitere Informationen zum Thema Kindergitarren:
Wie gesagt, Kindergitarren sind keine Spielzeuge, sondern vollwertige Instrumente, die für kleine Menschen konzipiert und in ihren Abmessung auf deren Bedürfnisse und Körperproportionen optimal angepasst sind. Diese speziellen Abmessungen finden ihren zusammenfassenden Ausdruck in der Bezeichnung Gitarrengröße.
Abschließend die Frage nach dem Geld
Eine Konzertgitarre für den Anfang muss nicht teuer sein. Die Preise für solide Schülerinstrumente renommierter Hersteller beginnen bei etwa 130 Euro. Wie in allen Instrumenten-Kategorien gibt es auch (und sogar besonders!) im Bereich der Gitarren eine wahre Flut von Billig- und Billigst-Gitarren aus Fernost. Man kann Glück haben und bereits für 50 Euro ein echtes Schnäppchen bekommen, made in China or somewhere else (only heaven knows…). Erwarten Sie aber nicht, dass eine 50 Euro Gitarre auch in 10 Jahren noch Freude bereitet – der Hals wird sich irgendwann verziehen, der Korpus, eigentlich alles. Aber andererseits hat ein solches 50 Euro Instrument ja auch nach 2 oder 3 Jahren seine Schuldigkeit getan, wenn das Kind nämlich nach dieser Zeit sicher weiß, was es will – eine (bessere) Konzertgitarre, eine Westerngitarre, eine – oder vielleicht doch eine E-Gitarre? Oder ein Schlagzeug? Ich möchte billige Instrumente also weder generell empfehlen noch verteufeln. Letztlich hängt es vom Einzelfall und vom Budget ab, was Sinn macht. Im Zweifelsfall würde ich eher zur 130 Euro Gitarre raten als zur 50 Euro, denn wenn Sie mit Ihrem Schnäppchen ein wirklich schlechtes Instrument erwischen, das schwer oder gar nicht spielbar ist, dann war es eben kein Schnäppchen, sondern Geldverschwendung!
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